
Manche Jahre fühlen sich an, als wären sie aus rosa Wölkchen auf unsere Köpfe geplumpst. Beschwingt, leicht, voller Staunen. Andere Jahren fühlen sich an, als wären sie wie ein 40- Tonner LKW über uns gerollt. 2025 war ein LKW, keine Wolke. Und fast überrascht es einen, wenn man sich durch die eigenen Fotos wühlt und erstaunlich viele schöne Momente findet. Der Winter zum Beispiel…

Auch wenn wir über Weihnachten ein kleines Krankenlager aufbauen mussten, haben es die Kekse, die Lieder der RatPack und kitschige Weihnachtsfilme wieder wett gemacht.
Und der Schnee natürlich…

Im Winter war auch wieder die Zeit der jährlichen Instagram Aktionen für Illustratoren, die mir jedes Jahr nicht nur Spaß, neue Kontakte und neue Ideen bringen, sondern auch mein Verhältnis zu Social Media für kurze Zeit zum Positiven wandeln.

Beispiele aus meiner Folktaleweek.

Und die Woche der „Imagined Bookcover“ ist auch immer wieder eine schöne Sache. Andere Beispiele findet ihr bei meinen Illustrationen.
Obwohl ich 2025 fast ausschließlich an meinem Portfolio und meinen Bilderbuchideen gearbeitet habe, war noch ein kleiner Auftrag dazwischen, der viel Spaß gemacht hat und der mir auf Grund meiner Lieber zu Hühnern sehr entgegen kam. Die wundervolle Grafikerin und Fotografin Johanne Tönnies brauchte für ein Sektetikett (www.johannetoennies.de) einen stolzen Hahn.

Eine neue Arbeitsweise, die ich für mich entdeckt habe, ist die digitale Vorbereitung einer Illustration. Ich bin mit digitaler Illustration lange nicht richtig warm geworden, bis ich einige Illustratorinnen und Illustratoren entdeckt habe, die digital illustrieren und für die ich mich wirklich begeistere. Das digitale Arbeiten an sich macht mir Spaß, weshalb ich mittlerweile Illustrationen erst einmal digital teste und vorbereite, bevor ich sie analog aufs Papier bringe. Ein großer Vorteil für eher ungeduldige Menschen, wie mich, da ich dadurch Farben, Bildkomposition usw. sehr schnell und einfach testen kann und dadurch für die analoge Version ein gutes Geländer habe, an dem ich mich entlang hangeln kann.

Hier als Beispiel die digitale Vorbereitung für eine kleine Odysseus-Serie, die ich für meine Portfolio illustrieren möchte.
Zu guter Letzt eine Erinnerung an meinen Papa, die ich jetzt immer bei mir tragen werde:

Der kleine dicke Ritter (1963) von Robert Bolt war das Lieblingskinderbuch meines Vaters. Das witzige Abenteuer handelt von einem Ritter, der jedes Tier auf der Welt schätzt und versteht. Er befreit in der Geschichte eine Insel nicht von dem angeblich bösen Drachen, sondern von einem Menschen, der von Tierliebe keine Idee hat.
Ich liebe es, dass diese kleine Truppe von mutigen Wesen mich jetzt immer begleitet und mich nicht nur an meinen Papa, sondern auch daran erinnert, zuversichtlich zu bleiben.
Machs gut, 2025.


In seinem Buch „Durch das Jahr mit Roald Dahl“ beschreibt Dahl den Januar als einen Monat, der zum einen zwar nicht viel mehr hergibt als Nässe und Kälte, aber zum anderen die Erstaunlichkeit innehat, dass man von einer Sekunde auf die andere plötzlich ins neue Jahr stolpert und gar nicht weiß, wie einem geschieht. Es kommt mir, wie ihm auch, jedes Jahr aufs Neue albern vor, wie viel Bedeutung dem Jahreswechsel zugeschrieben wird, denn eigentlich geht es ja einfach weiter wie die 12 Monat zuvor. Aber trotzdem gefällt es mir, dass das neue Jahr stets einen frischen Wind mit sich zu bringen scheint. Plötzlich scheint sich eine ungeahnte Motivationswolke über einem zusammen zu brauen, die nicht bedrohlich, sondern kuschelig weich ist. Zu diesem Zeitpunkt macht es besonders Freude, Listen zu schreiben. Listen mit Dingen, die man besser machen möchte; die man erledigen muss; die man im vergangenen Jahr vergessen hat; die man kaufen möchte; die man loswerden möchte; die zu lernen sind.
Listen sind ein wunderbarer Zeitvertreib – wenn man sie nicht zu ernst nimmt.

Listen müssen ja nicht immer aus Worten bestehen. Ich mag Collagen. Eine Collage für das neue Jahr zu machen aus Bildern, mit denen ich Beschäftigungen, Gefühle, Werte und Ideen assoziiere, ist mal etwas anderes. Beispielsweise möchte ich im neuen Jahr Häkeln lernen, mein Stricken verbessern und regelmäßig backen. Ich möchte unseren Garten schöner gestalten, neue Materialien ausprobieren, mit unserer Hündin Molly wandern gehen und einen noch routinierteren Arbeitsrhythmus finden.
Und Mut. Mehr Mut wäre schön.

Wie Roald Dahl es bereits beschrieben hat, war der Januar wie jedes Jahr, kalt, frostig und nass. Aber es gab viele trockene Kältetage, die ich besonders liebe. Oft zieht dann am Morgen und Abend der Nebel um die Häuser und der Frost glitzert auf jedem Pflänzchen.
An solchen Tagen fühlt es sich an, als wären wir in einen englischen Roman aus dem 19. Jahrhundert gereist.
Eine Sache, die auf meiner Liste für 2025 stand, war, eine regelmäßige Aktivität für meinen Instagram-Kanal zu finden. Wenn man nicht zu den Illustratoren gehört, die mal eben jeden Tag eine stimmige Komposition aufs Papier bringen, ist es eine Idee, etwas zu finden, womit man trotzdem regelmäßig ein Lebenszeichen von sich geben kann. Mir gefallen Kanäle am besten, die hauptsächlich oder zwischendurch über Bücher, Filme, Kunst und andere kulturelle Schätze erzählen. Da meine Leidenschaft für Bücher, Filme und Kunst so groß ist, dass sich mein Wissensspeicher darüber schon gut gefüllt hat, habe ich mir etwas Nettes überlegt. Jeden Montag stelle ich auf meinem Instagram-Kanal ein Buch, einen Film, ein Kunstwerk oder einen Künstler vor und schreibe ein paar Zeilen darüber in der Hoffnung, dass es jemand entdeckt, der es noch nicht kennt, aber kennenlernen möchte.



Es ist wunderbar, zu all diesen Themen zu recherchieren, da ich dadurch Dinge erfahre, die ich vorher noch nicht wusste. Und wer will nicht so viel wie möglich über Cary Grant oder den kleinen dicken Ritter erfahren?

Es kommt nicht mehr so oft vor, dass es neue Artikel in meinem Online Shop gibt, da die Druckkosten einem gerne um die Ohren fliegen. Aber ich hatte jetzt so viele neue Motive angehäuft, die sich als Sticker eignen, dass ich mich nicht mehr gedulden konnte.

Etwas anderes Schönes ist, dass ich auf Modelliermasse aus Ton gestoßen bin, die ich zwar zu Hause nicht brennen, aber wenigstens im Backofen backen kann und die deutlich umgänglicher ist als Plastilin.

Ich wünsche allen Lesenden einen wunderbaren Februaranfang. Unternehmt und kreiert trotz des Weltschmerzes schöne Dinge, die euch glücklich machen.
„Ein einziger kleiner Lichtfleck hellt das Braungrau meines Januargartens auf. Die ersten Schneeglöckchen.“ (Roald Dahl)
Findet eure Schneeglöckchen!


Wenn das Jahr zu Ende geht, ertappt man sich dabei, über das Vergangene herum zu sinnieren. Das zurückliegende Jahr wird beschaut wie ein viel bebilderter Quilt und man hangelt sich von Moment zu Moment. Momente von Glück. Momente von Unglück. Momente von Trauer. Momente von Ideen. Momente von Peinlichkeiten. Momente von Innigkeit. Momente von Weltschmerz. Momente von Stille. Ich mag das Herumsinnieren.
Ich mag den Frühling, denn Frühling bedeutet Ostern. Und Ostern ist die Zeit, auf die ich mich in den grauen Monaten, Januar und Februar, freue, wenn die gelben Narzissen langsam überall sprießen. An Ostern wurde dieses Jahr wie immer ein Osterlamm gebacken, Zweige aus dem Garten geschnitten, Osterkörbchen gefüllt, gelbe Tulprn auf den Tisch gestellt und die Geschichten von Peter Hase von Beatrix Potter aufgeschlagen. Ostern bedeutet für mich bunte Leichtigkeit.

Dinge für liebe Menschen sind entstanden. Dinge, die berühren, erinnern und erfreuen sollen. Geschenke selbst zu machen gehört bei mir in jedes Jahr. Als ich klein war, habe ich zu jeglichen Feiertagen unseren Nachbarn Selbstgebasteltes vor die Türen gestellt. Und obwohl ich in dem entscheidenden Überraschungsmoment nicht dabei war, habe ich mich bei der Vorstellung der überraschten Gesichter als Kind am meisten gefreut. Und das ist heute noch so.


Arbeiten sind am Jahresanfang entstanden, die erst nach vielen Anläufen sagten, was sie brauchten. Und war einem Hauch zu viel Ehrgeiz geschuldet und gleichzeitiger Verwirrung über den weiteren Weg meiner Illustrationssprache. Ich habe immer gerne mit „einfachen“ Formen gearbeitet. Weg vom Naturalistischen und hin zu anderen Wegen, Dinge und Lebewesen darzustellen. Ich habe gerne damit gespielt, habe ausprobiert und hatte großen Spaß dabei. Durch einen Ratschlag habe ich mir aber Anfang des Jahres eingeredet, dass ich „anspruchsvoller“ arbeiten müsste. Dass die einfachen Formen zu einfach sind. Also habe ich „anspruchsvoller“ illustriert; habe mich mit naturalistischer Formensprache beschäftigt und mich angestrengt. Und das war das Problem. Meine Arbeit hat genau das ausgedrückt – Angestrengtheit. Das Verspielte war weg. Das Leichte war weg. Meine Freude am Arbeiten war weg. Viele, gefühlt, verschwendete Wochen. Aber es war sehr wertvoll, denn ich habe gelernt, dass selbst Menschen „vom Fach“ einen auf den falschen Weg führen können. Es ist immer eine gute Idee auch einmal seine Wohlfühlzone zu verlassen und Neuland auszuprobieren. Aber ob man dabei Schätze findet, ist erst der nächste Schritt. Bei mir war es kein Schatz, sondern eher ein alter Schuh, der mir nicht gepasst hat.

Danach sind viele neue Wesen entstanden, die Abenteuer erleben durften. Die meisten sind im Rahmen von Themenwochen entstanden, die Illustratorengruppen in sozialen Netzwerken initiieren. Aber nicht im Sinne eines Wettbewerbs, sondern das Gegenteil: Illustratoren sollen sich hierbei austauschen und gegenseitig unterstützen. Eine wundervolle Idee und sie funktioniert auch noch dazu. Bei solchen kleinen Aktionen mitzumachen kann dabei helfen neue Ideen zu entwickeln oder sich selbst aus einem Loch des Unmutes zu ziehen. Ich nutze diese Gelegenheiten häufig, um Werkzeuge oder Materialien auszuprobieren, mit denen ich noch gar keine oder nur wenig Erfahrung habe.

Und dann kam der Herbst.
Der Herbst mit seinem Rot, Orange und Gelb. Mit seinen Geistern, Hexen und Monstern. Ich liebe den Herbst. Ich bin mir jedes Jahr aufs Neue unsicher, ob der Herbst oder der Winter meine liebste Jahreszeit ist. Vielleicht muss auch schlicht und einfach keines von beiden vorne liegen, denn Herbst und Winter haben beide ihre ganz besonderen Eigenheiten und Vorzüge. Wenn nach dem Sommer mit der Herbst die Zeit des Gemütlichkeit, der Wollpullover, der Apfelkuchen und Kürbissuppen beginnt, habe ich das Gefühl, dass sich auch in mir Gemütlichkeit ausbreitet. Alles wird ein bisschen langsamer.

Obwohl für mich der Herbst gar nicht lang genug sein kann, ist er doch jedes Jahr so schnell vorbei. Es sind in diesem Jahr einige Herbstillustrationen entstanden, die teilweise als Karten oder Sticker in den Druck gehen werden. Gerade die Farbpaletten für Herbstillustrationen machen mir besonders viel Freude. Warme Erdtöne in Kombination mit verschiedenen Grüntönen.



Und plötzlich steht der Winter vor der Tür. Die Vorweihnachtszeit fing bei uns dieses Jahr schon früher an als sonst und auch der Weihnachtsbaum erhielt bereits an Nikolaus Einzug. Vielleicht aus dem einfachen Grund, dass die Weihnachtszeit ein großes Talent hat, das Weltgeschehen etwas in den Hintergrund rücken zu lassen und einem vorgaukelt, dass die Welt doch noch ein friedlicher Ort sein kann. Schön wäre es. Aber wenigstens hat es sich für einen Monat so angefühlt.




Danke, 2024.

Über Anfragen für eine Gestaltung, die nostalgischen Charakter haben soll, freue ich mich ganz besonders. Ein Busticket, das symbolisch und als kleine Aufmerksamkeit dienen sollte, hat sich da natürlich angeboten. Wer schaut sich nicht gerne Dampflokomotiven, britische Doppeldeckerbusse oder retro Nahverkehrswerbungen an, um sich im romantisierten Fernweh zu baden?
Hier ein Einblick in den Gestaltungsprozess:

Und die Wahl fiel auf:


Eines meiner Lieblingskinderbücher ist „Der Wind in den Weiden“ von Kenneth Grahame, das 1908 erschienen ist. Eine so zauberhafte Geschichte mit britischem Charme und vielseitigen Charakteren. Dieses zeitlose Abenteuer hat bereits unübertreffliche Originalillustrationen, aber im Rahmen einer Social Media Veranstaltung habe ich mich daran illustrativ ausprobiert, was mir große Freude gemacht hat.




Wenn man über einen Antikmarkt schlendert, wird man von den verschiedensten Entzückungslauten umgeben, als würde man einen Bauernhof besichtigen, auf dem überall frisch geborene Ferkelchen herumrennen. Die geblümten Milchkännchen, verzierten Zigarettendosen, bunten Hosenträger oder bestickten Spitzendeckchen bringen uns mit ihren verschwiegenen Geschichten zum Staunen, als würden sie mit weichen Erzählstimmen alles über sich erzählen, so wie früher der Großvater am Bett die Märchen vorgelesen hat. Sie bewegen uns mit ihren Geschichten. Die einen flüstern, die anderen tönen, manche raunen, andere wispern. Sie erzählen von Ländern, die sie bereist haben. Von Häusern, die sie bewohnt haben. Von Menschen, von denen sie gekauft, gepflegt und bewahrt wurden.

Aber es ist nicht nur ihre Vergangenheit, die uns so bewegt. Es ist auch ihr Auftreten. Die Dinge von früher sind uns so nah, weil ihre Gestaltung so nahbar erscheint. Es scheint eine Umsicht und Liebenswürdigkeit in ihren Formen, Verzierungen und Materialien zu liegen, die wir in den heutigen Dingen vermissen. Wenn ich vor dem Regal im Supermarkt stehe, erzählen die Produkte mir keine Geschichte. Sie sind dafür da gekauft, benutzt und weggeworfen zu werden. Heute berührt mich keine Kaffeedose mehr so sehr, dass ich sie mir als Dekoration auf die Kommode stelle.
Die Gestaltung, die wir als nostalgisch empfinden, ist eine ganz besondere, die heute von Funktionalität und Minimalismus überschattet und in ihrer dunklen Ecke übersehen wird. Aber wenn man zufällig eine Taschenlampe dabei hat, kann man sich auf Etwas freuen, das wie gemacht dafür ist, auf Kommoden seinen Platz zu finden und uns jeden Tag eine Geschichte zuzuflüstern.



Neben der Illustration ist die Arbeit mit Modelliermasse eine beglückender Abwechslung. Im Frühling dieses Jahres sind acht kleine Wandobjekte zum Aufhängen entstanden.

Die frühlingshaften Pastelltöne haben sich in der Gestaltung ausgelebt. Alle Objekte sind handgefertigt und Unikate. Sie wurden aus lufthärtender Modelliermasse geformt, im Ofen erhitzt, getrocknet und mit wasserabweisender Acrylfarbe bemalt. Zum Schluss wurden sie für einen zusätzlichen Schutz lasiert. Sie alle sind im Onlineshop zu kaufen.


Eine Erinnerung an den Geschichtenerzähler Manfred Steffen.

Stimmen sind immer da – Stimmen, die uns vertraut sind, die uns nah sind, die uns fern sind, die uns fremd sind. Die Stimme des Kindes, die uns morgens viel zu früh höflich aus dem Bett schreit. Die Stimme des Radiomoderators am Frühstückstisch. Die Stimme des Nachbarn, die unaufgefordert durch die Wand dringt. Die Stimme des Partners, die uns eingeübt an den Haustürschlüssel erinnert bevor wir das Haus verlassen. Die Stimme der Zugdurchsage. Die Stimme der Verkäuferin, die uns höflich fragt, ob wir nun eine Brezel mit oder ohne Salz möchten. Die Stimme der Mutter, die uns sagt, dass alles wieder gut wird.
Stimmen bewegen uns jeden Tag – manchmal bewusst, manchmal unbewusst.
Es gibt Stimmen, für die wir uns bewusst entscheiden. Die uns begleiten, seit wir Geschichten verstehen. Stimmen, die uns diese Geschichten erzählen – immer wieder auf dieselbe Art und im selben Ton. Ohne, dass es uns langweilt. Denn sie bringen uns in die Welten zurück, in denen wir als Kinder unsere Abenteuer erlebt haben. Das tun sie sobald wir das Spulen einer Kassette hören, das Drehen einer CD, das Knarzen einer Schallplatte.
„Es war einmal…“ Es war einmal ein Geschichtenerzähler, der meine Kindheit mit seiner Stimme begleitet hat. Der mich zu Tränen gerührt; mich bei Kummer getröstet; mich zum Lachen gebracht und der mir Gesellschaft geleistet hat, wenn ich krank im Bett lag. Geschichtenerzähler schenken uns ihre Stimme ein Leben lang. Meist wissen wir nicht einmal, wie diejenigen ausgesehen haben oder wer sie überhaupt waren, deren Stimmen Teil unserer Kindheit wurden. Aber vielleicht würde es auch den Zauber nehmen. Denn, was Stimmen Geschichten geben können, kann man manchmal nur als Zauber bezeichnen, weil einem selbst die Worte fehlen.

Eine Erzählung

Jeder Tag hatte für ihn denselben Rhythmus – seit nun 58 Jahren. Um 14 Uhr schalteten sich die Lichter ein und er begann zu kurbeln. Um 23 Uhr wurden die Lichter gelöscht und er hörte auf zu kurbeln. Doch erstaunlicherweise langweilte es ihn nicht. Er stand an seinem Platz und drehte die Kubel. Drehte, drehte und drehte. Die Musik übertönte die Lautsprecher, wehte um die Essensstände, befeuerte die Spielbuden und kam wieder zu ihm zurück. Manchmal fragte er sich, ob er bloß genügsam oder nur nicht mutig genug gewesen war. Er gehörte zu den Menschen, die bei der Frage „Und, was gibts Neues?“ antworteten „Alles gut. Alles wie immer“, ohne Schuldgefühle fehlender Abenteuerlust zu haben. Vielleicht lag es an den aufgerissenen Augen der Kinder, die mit offenen Mündern vor ihm standen und rätselten, wie die Musik wohl in diesen Holzkasten kam.
Vor ihm hatte sein Vater an diesem Platz gestanden und in die Kinderaugen geblickt. Wie stolz er gewesen war, als sein Sohn ihn das erste Mal begleitete. Ihm hatte sein Vater damals das Geheimnis des Kastens verraten, aber den Kindern verriet er es nicht. Es gefiel ihm, ein Geheimnis zu haben und den Kindern ihr Rätsel zu lassen. Das Rätsel und er waren geblieben, aber alles andere war damals noch anders gewesen. Die Farben der Buden waren nicht so bunt, die Lichter nicht so grell und die Lautsprecher knackten immerzu. Und Marie war da. Gegenüber saß sie an der Apfelbude und half ihrer Mutter Äpfel an Holzstielen in warme Schokolade zu tauchen, die dann trocknete und so wunderbar zwischen den Zähnen knackte. Wie oft war er mit Marie zwischen den Buden herum spaziert. Und bei jedem Spaziergang waren sie ein Stückchen gewachsen – bis sie groß genug waren, um auch draußen herum zu spazieren, um Händchen zu halten, um sich zu küssen, um gemeinsam einzuschlafen und gemeinsam aufzuwachen. 43 Jahre lang. Aber er fühlte sich bis heute nicht groß genug, um nicht mehr gemeinsam mit ihr aufzuwachen. Dafür würde er nie groß genug werden.
Die Bude, an der es Reibekuchen gab, war ihre Lieblingsbude gewesen. Jeden Tag aßen sie einen Reibekuchen in ihrer Pause. Außen die knusprige Kruste, innen die weiche warme Masse. Mittlerweile gab es keine Bude mit Reibekuchen mehr. Anstatt der Reibekuchen gab es Gyros, Pizzastücke und Fruchtsäfte. Ihm fehlte der Duft der Reibekuchen. Auch die Apfelbude war nicht mehr da. Stattdessen hingen überall Zuckerherzen in allen Größen und Farben, die mit Worten wie „Mein Schatz“ oder „Weltbester Papa“ verziert waren. Selbst seine Musik klang anders als damals. Sie bespielte nicht mehr das, was sie gekannt hatte. Es kam ihm manchmal so vor, als sei sie schüchtern geworden. Als hätte sie leicht die Orientierung verloren und würde wie ein verloren gegangenes Kind ziellos über den Platz taumeln. Vielleicht vermisste sie den Duft der Reibekuchen auch, die Äpfel in Schokolade und natürlich Marie. Marie, die sich zu seiner Musik gedreht hatte – auf der Stelle immerzu, wie ein Kreisel.
Die Lichter gingen aus, es war 23 Uhr. Er sah der Menschentraube hinterher, die Richtung Ausgang lief. Jugendliche, junge Paare, alte Paare und Kinder. Eines der Kinder winkte ihm. Er winkte zurück und lächelte in seinen Bart. Heute abend würde er sich Reibekuchen Zuhause backen.

Eine Erzähung. Eine Erinnerung.

„Schau immer zum Horizont, wenn es dir schwindelig wird, denn wenn du dich mit dem Auge an etwas festhältst, was unbewegt bleibt, verlierst du nicht das Gleichgewicht“, sagte mein Großvater zu mir, als ich das erste Mal auf einem Schiff mitfahren sollte.
Daran dachte ich, als wir die Wohnung leer räumten, in der meine Großeltern über 50 Jahre lang gelebt hatten. Mein Großvater war oft aus dem Gleichgewicht geraten. Wenn ein Radfahrer auf der falschen Seite fuhr, schrie mein Großvater ihm lauthals einen Fluch hinterher, sodass nicht nur er, sondern auch der Radfahrer aus dem Gleichgewicht geriet. Wenn im Abendprogramm ein trauriger Film lief, wischte sich mein Großvater umständlich die Tränen aus den Augenwinkeln in dem Glauben, niemand hätte es bemerkt. Wenn er wegen einer Unachtsamkeit gegen mich beim Schach verlor, fegte er die Figuren vom Brett und redete erst wieder, nachdem das Schachspiel im Schrank verschwunden war. Diese Ungleichgewichte bemühte er wieder ins Gleichgewicht zu bringen, indem er Aufgaben mit einer akribischen Sorgfalt und Ruhe erledigte. Zum Beispiel das maßgenaue Schneiden der abendlichen Butterbrote in mundgerechnete Stücke; das Komprimieren von sperrigem Verpackungs- und Papiermüll oder die Ausdauer für Kreuzworträtsel.
Die Kreuzworträtselhefte fand ich sauber gestapelt im Regal. Ich strich über die vertraute energische Schrift, deren Buchstaben den Eindruck machten, als hätten sie es eilig. Einige der Kreuzworträtsel waren nicht fertig gelöst worden. Ich setzte mich an den Tisch und nahm mir einen Stift.
Mein Großvater fuhr mit 16 Jahren das erste Mal zur See. Auf dem Foto, das bei seinem Einzug in die Marine aufgenommen wurde, blickten seine hellblauen Augen unsicher in die Kamera. Er wurde nach Frankreich geschickt und kam wieder nach Hause. Seine drei Brüder wurden nach Russland geschickt und kamen nicht wieder nach Hause. Angst habe er gehabt, erzählte er mir, besonders als er vom 10 Meter Brett springen musste. Hinter ihm hatten bereits so viele Kameraden gewartet, dass er nicht mehr zurück konnte. Also schloss er die Augen und sprang. Das war die einzige Angst, von der er mir erzählte. Die anderen Ängste behielt er für sich und sprach sie erst aus, nachdem sein Gedächtnis sie nicht mehr zurückhalten konnte und er das Gleichgewicht auf eine neue Art verlor.
In der Küchenschublade, in der Gummibänder, Tupperdosendeckel und Gefrierbeutel durcheinander fielen, fand ich viele kleine Notizzettel, auf denen einzelne Wörter, Telefonnummern und Sätze standen, wie „Schlüssel am Schlüsselbrett“, „Bäcker öffnet um 7 Uhr“, „Herdplatte“ oder „Bügeleisen ausstellen“.
Mein Großvater hatte mir mehr als einmal einen kleinen blauen Fleck auf seiner Hand gezeigt und stolz verkündet, er habe auch ein Tattoo. Während seiner Zeit auf See hatte er die anderen Marinesoldaten mit Ankern, Fischen oder verschnörkelten Namen der Verlobten verziert. Er hatte immer schon gut zeichnen können und hatte ein Auge für Formen und Farbe. Vielleicht war er deshalb nach den Kriegsjahren auch Schreiner geworden. Trotz des Krieges war mein Großvater noch gerne Boot gefahren. An zahlreichen Wochenenden sind wir gemeinsam in Ruder- oder Tretbötchen über kleine Seen und Weiher getrieben und schauten still ins Wasser, zu den Bäumen, in den Himmel.
Ich sah ein letztes Mal von der Straße aus hoch zum großen Fenster des Wohnzimmers. Dort hatte mein Großvater jedes Mal gestanden, wenn ich mich auf den Heimweg machte. Am Ende der Straße hatte ich mich noch einmal umgedreht und er hatte mir zugewunken. Jedes Mal ohne Ausnahme. Selbst aus dem Krankenbett hatte er mir zugewunken. Ein letztes Mal. Ich sah lange, sehr lange, hinauf. Denn wenn man das Gleichgewicht verliert, braucht man etwas, woran das Auge sich festhalten kann.

Ein Gedanke.

Wenn man Kind ist, gibt es drei Gründe, sich zu verstecken. Weil man Angst hat. Weil man spielt, dass jemand anderes einen suchen muss. Weil man von allem die Nase voll hat. Bei ersterem und letzterem scheint es meist überall besser zu sein, als da, wo man gerade ist. Aber weil man nicht einfach nach Überall gehen kann, denkt man sich nach Überall. Und sich nach Überall zu denken geht am besten an dunklen Orten. Unter einem Bett. In einem alten Kleiderschrank. Auf dem Dachboden. Unter einer Treppe. Hinter schweren Gardinen. Überall ist ein wunderbarer Ort.
Wenn man erwachsen wird, ist Überall nicht mehr derselbe Ort. Die Verbindung wird schlechter, wie wenn man tief im Wald versucht zu telefonieren. Man hört noch ein paar einzelne, meist undeutliche, Wörter, bis die Leitung still wird und die Ansage „Ihre Verbindung wird gehalten.“ ausbleibt.
Aber zu illustrieren ist eine Chance den Weg nach Überall wiederzufinden.


Ich habe mich sehr gefreut, als ich festgestellt habe, dass vor einer ganzen Weile Sticker in der Beliebtheitsskala wieder gestiegen sind. Wer erinnert sich nicht an die Tage, an denen man mit dem Stickeralbum bewaffnet über den Schulhof gelaufen ist, um seine Sammlung zu vergleichen oder Motive zu tauschen. Ein Album voll zu bekommen habe ich allerdings nie geschafft.

Um mich freudig in Nostalgie zu suhlen, habe ich meinen Online Shop mit vielen bunten Aufklebern bereichert, die ich aus meinen Illustrationen zusammengeklaubt habe.
Das Design der heutigen Zeit wird immer reduzierter, immer schlichter, immer unpersönlicher. Wieso also nicht kleine aufklebbare Wesen nutzen, um Unpersönlichkeiten wie Notebooks, Kalender, Kühlschränke oder Fahrräder mehr Persönlichkeit zu schenken?


Jedes Jahr werde ich ein bisschen traurig, wenn die Weihnachtszeit zu Ende geht. Diese ganz besondere Atmosphäre, die so viele Kindheitserinnerungen weckt und so wunderschöne Rituale mit sich bringt. Der Duft von Keksen und Zimt wabert durchs Haus, das Räuchermännchen pafft fröhlich vor sich hin und überall tanzen kleine Lichter. Und das Beste ist, zur Weihnachtszeit kann man seiner heimlichen Liebe für Kitsch nachgehen, ohne dass man sich schämen müsste.

Ich bemühe mich jedes Jahr so viel wie möglich selbst zu basteln, zu backen und zu gestalten. Das Wintergrün sammeln wir beim Spazierengehen, woraus sich wunderschöne Kränze zum Verschenken zaubern lassen. Ohnehin ist Weihnachten eine wunderbare Möglichkeit selbstgemachtes zu verschenken. Kekse, Marmelade, Gewürze, Christbaumschmuck…

Auch ist eines meiner wichtigsten Rituale jedes Jahr beim Backen die Weihnachtsgeschichten von Astrid Lindgren anzuhören, am liebsten die, die von Manfred Steffen gelesen werden. Seine Stimme holt mich jedes Mal in meine Kindheit zurück.
So warm die Kindheitserinnerungen auch sein können, so sehr kann es auch schmerzen, wenn man realisiert, dass Weihnachten nicht mehr dasselbe ist, wie es einmal war. So ist Weihnachten auch immer eine Zeit, in der man viel über die Vergänglichkeit nachdenkt. In der plötzlich geliebte Menschen fehlen, die Weihnachten in der Kindheit zu dem gemacht haben, wie wir es in Erinnerung halten. Weihnachten sollte im Jahr nicht die einzige Zeit sein, in der man bewusste Familienzeit verlebt, und doch ist Weihnachten nunmal die Zeit, in der die Familie am stärksten im Vordergrund steht.
Weihnachten wurde bei uns bereits ein anderes, als mein Opa nicht mehr da war. Einige Zeit darauf war auch meine Oma gegangen und die Wohnung, in der wir fast jedes Jahr Weihnachten gefeiert haben, war auch nicht mehr. Alles, das geht, hinterlässt eine Lücke, die still neben einem sitzt. Diese Weihnachten saß eine noch größere Lücke zwischen uns.
Die Eltern prägen Weihnachten für uns wie niemand sonst. Sie legen den Grundstein, als was wir die Weihnachtszeit empfinden. Mein Bruder und ich hatten das wunderbare Glück, dass unsere Eltern die Weihnachtszeit immer zu etwas besonderem gemacht haben, in der wir selbst mit gestalten durften. So haben wir uns als Familie unsere eigenen Weihnachtsrituale geschaffen und mit jedem Familienmitglied verbinden wir andere Erinnerungen an die Weihnachtszeit. Die letzten Jahre habe ich mit meinem Vater immer den Baum geschmückt und wir haben das Hörbuch „Hilfe, die Herdmanns kommen“ dabei gehört, natürlich von Manfred Steffen gelesen, während mein Vater fluchend die Lichterketten entwirrt hat und zwischendurch Lachkrämpfe wegen den Herdmanns bekam. Wenn er Weihnachtsplätzchen backte, dann in einer Menge, die ein 6-Parteien-Haus satt gemacht hätte. Dabei schmetterten die Rat Packs ihre Weihnachtsschlager im Hintergrund. Selbst an dem Weihnachten, an dem meine Eltern und mein Bruder einen Magen-Darm-Virus hatten und ich nach einer kleinen Operation nur auf dem Sofa liegen konnte, schaffte er es eine so gute und ausgelassene Stimmung zu verbreiten, dass dieses Weihnachten mir als eins der Schönsten in Erinnerung geblieben ist – zumal mein Vater uns ein kleines Konzert mit Hilfe seines linken Nasenlochs auf der Blockflöte darbot.
Wenn dieser Mensch dann fehlt, fühlt sich Weihnachten plötzlich nur noch wie ein halbes Weihnachten an. Ein Weihnachten mit einer Lücke, die den ganzen Raum einzunehmen scheint und man spürt, dass diese Lücke nun zu Weihnachten gehören wird – Jahr für Jahr.
Aber was bleibt, sind die Erinnerungen, in denen man die Weihnachtszeit besuchen kann, die noch keine Lücke hatte. In der der ganze Raum noch voller kleiner Lichter war.
Menschen sind erst fort, wenn wir nicht mehr über sie sprechen. Und ein Weihnachtsritual sollte sein, über die zu sprechen, die nicht mehr bei uns sind. Denn so fühlen sie sich gar nicht mehr weit weg an und die Lücke lässt ein paar Lichtern wieder Platz.

In liebevoller Erinnerung an meinen Papa und in Gedanken bei allen, die an Weihnachten einer Lücke im Raum Platz machen müssen.


Der Arbeitsplatz ist normalerweise der Ort, an dem in der Illustration Welten entstehen, Wesen geboren und Geschichten erzählt werden. Es sollte also ein Ort sein, an dem man 8 Stunden am Tag sein möchte und nicht das Gefühl hat, dazu gezwungen zu sein.
Ein Ort mit viel Licht, Klarheit, Stille und Ausblick.

Ich habe durch meinen Arbeitsraum in unserem neuen Zuhause einen Vergleich zu meinem alten Arbeitsraum bekommen. Nun verstehe ich, wieso so oft das Gefühl präsent war, dass ich nicht weiterzukommen scheine in dem, was ich tue. Ich war häufig unzufrieden, frustriert und unruhig.
Wenn essentielle Bedingungen dem Arbeitsraum fehlen, kann das einen großen Einfluss auf die Motivation, die Konzentration und die Intuition während der Arbeit nehmen. Es ist eine kleine Reise zu erkennen, welche Bedingungen man selbst braucht, um so arbeiten zu können, wie man es sich wünscht. Dafür muss man seinen Raum zunächst kennenlernen und Stück für Stück ergründen, was er für einen bereit hält.

Mir macht es zudem große Freude all die Dinge, die sich in meinem Raum befinden, streng zu ordnen. Ich habe mir angewöhnt, alles zu beschriften, denn man unterschätzt, wieviel Zeit das Suchen Tag für Tag in Anspruch nimmt.

Mein Raum ist so alt, dass er mir viele Geschichten erzählen kann, während ich arbeite. Geschichten von Menschen, die in ihm gewohnt haben. Geschichten von Tieren, die heimlich in ihm gewohnt haben. Geschichten von Stimmungen und Atmosphären, die ihn geprägt haben.
Ich bin unbeschreiblich dankbar für mein neues kleines Universum.


Wie schön, dass du den Weg auf meine Seite gefunden hast! Ich bin Illustratorin aus Köln und lebe mit meinem Partner und unseren drei Schildkröten in einem kleinen alten Haus in Solingen.
Das Jahr 2021 war für mich ein Jahr des Umbruchs. Veränderung, Verlust, Beginn.
Wir mussten uns von einem geliebten Menschen verabschieden, haben ein neues Zuhause gefunden und ich habe meinen Atelier- und Ladenplatz in Köln aufgegeben. Es war also nicht allein eine Veränderung in meinem Privatleben, sondern auch eine Veränderung für meinen Berufsalltag. Mein neues Atelier hat seinen Platz in unserem kleinen wunderhübschen Wintergarten mit Blick in den Garten gefunden. Ein Raum, der nur aus Fenstern zu bestehen scheint. Nie hätte ich gedacht, einmal einen so unglaublichen Arbeitsraum zu finden. Von hier kann ich unsere Schildkröten im Garten beobachten, all den Singvögeln lauschen und am wunderbarsten ist, wenn der Regen auf das Dach des Wintergartens prasselt. Von hier aus werden nun also meine Geschichten auf Papier erzählt und die Produkte für meinen Online Shop entstehen.
Neuigkeiten darüber, Alltagseinblicke und vieles mehr erfährst du jeden Montag auf dieser Seite. Danke für dein Interesse und bis bald!
