Es war einmal

Eine Erinnerung an den Geschichtenerzähler Manfred Steffen.

Stimmen sind immer da – Stimmen, die uns vertraut sind, die uns nah sind, die uns fern sind, die uns fremd sind. Die Stimme des Kindes, die uns morgens viel zu früh höflich aus dem Bett schreit. Die Stimme des Radiomoderators am Frühstückstisch. Die Stimme des Nachbarn, die unaufgefordert durch die Wand dringt. Die Stimme des Partners, die uns eingeübt an den Haustürschlüssel erinnert bevor wir das Haus verlassen. Die Stimme der Zugdurchsage. Die Stimme der Verkäuferin, die uns höflich fragt, ob wir nun eine Brezel mit oder ohne Salz möchten. Die Stimme der Mutter, die uns sagt, dass alles wieder gut wird. 

Stimmen bewegen uns jeden Tag – manchmal bewusst, manchmal unbewusst.

Es gibt Stimmen, für die wir uns bewusst entscheiden. Die uns begleiten, seit wir Geschichten verstehen. Stimmen, die uns diese Geschichten erzählen – immer wieder auf dieselbe Art und im selben Ton. Ohne, dass es uns langweilt. Denn sie bringen uns in die Welten zurück, in denen wir als Kinder unsere Abenteuer erlebt haben. Das tun sie sobald wir das Spulen einer Kassette hören, das Drehen einer CD, das Knarzen einer Schallplatte.

„Es war einmal…“ Es war einmal ein Geschichtenerzähler, der meine Kindheit mit seiner Stimme begleitet hat. Der mich zu Tränen gerührt; mich bei Kummer getröstet; mich zum Lachen gebracht und der mir Gesellschaft geleistet hat, wenn ich krank im Bett lag. Geschichtenerzähler schenken uns ihre Stimme ein Leben lang. Meist wissen wir nicht einmal, wie diejenigen ausgesehen haben oder wer sie überhaupt waren, deren Stimmen Teil unserer Kindheit wurden. Aber vielleicht würde es auch den Zauber nehmen. Denn, was Stimmen Geschichten geben können, kann man manchmal nur als Zauber bezeichnen, weil einem selbst die Worte fehlen.

Reibekuchen und Marie

Eine Erzählung

Jeder Tag hatte für ihn denselben Rhythmus – seit nun 58 Jahren. Um 14 Uhr schalteten sich die Lichter ein und er begann zu kurbeln. Um 23 Uhr wurden die Lichter gelöscht und er hörte auf zu kurbeln. Doch erstaunlicherweise langweilte es ihn nicht. Er stand an seinem Platz und drehte die Kubel. Drehte, drehte und drehte. Die Musik übertönte die Lautsprecher, wehte um die Essensstände, befeuerte die Spielbuden und kam wieder zu ihm zurück. Manchmal fragte er sich, ob er bloß genügsam oder nur nicht mutig genug gewesen war. Er gehörte zu den Menschen, die bei der Frage „Und, was gibts Neues?“ antworteten „Alles gut. Alles wie immer“, ohne Schuldgefühle fehlender Abenteuerlust zu haben. Vielleicht lag es an den aufgerissenen Augen der Kinder, die mit offenen Mündern vor ihm standen und rätselten, wie die Musik wohl in diesen Holzkasten kam.

Vor ihm hatte sein Vater an diesem Platz gestanden und in die Kinderaugen geblickt. Wie stolz er gewesen war, als sein Sohn ihn das erste Mal begleitete. Ihm hatte sein Vater damals das Geheimnis des Kastens verraten, aber den Kindern verriet er es nicht. Es gefiel ihm, ein Geheimnis zu haben und den Kindern ihr Rätsel zu lassen. Das Rätsel und er waren geblieben, aber alles andere war damals noch anders gewesen. Die Farben der Buden waren nicht so bunt, die Lichter nicht so grell und die Lautsprecher knackten immerzu. Und Marie war da. Gegenüber saß sie an der Apfelbude und half ihrer Mutter Äpfel an Holzstielen in warme Schokolade zu tauchen, die dann trocknete und so wunderbar zwischen den Zähnen knackte. Wie oft war er mit Marie zwischen den Buden herum spaziert. Und bei jedem Spaziergang waren sie ein Stückchen gewachsen – bis sie groß genug waren, um auch draußen herum zu spazieren, um Händchen zu halten, um sich zu küssen, um gemeinsam einzuschlafen und gemeinsam aufzuwachen. 43 Jahre lang. Aber er fühlte sich bis heute nicht groß genug, um nicht mehr gemeinsam mit ihr aufzuwachen. Dafür würde er nie groß genug werden.

Die Bude, an der es Reibekuchen gab, war ihre Lieblingsbude gewesen. Jeden Tag aßen sie einen Reibekuchen in ihrer Pause. Außen die knusprige Kruste, innen die weiche warme Masse. Mittlerweile gab es keine Bude mit Reibekuchen mehr. Anstatt der Reibekuchen gab es Gyros, Pizzastücke und Fruchtsäfte. Ihm fehlte der Duft der Reibekuchen. Auch die Apfelbude war nicht mehr da. Stattdessen hingen überall Zuckerherzen in allen Größen und Farben, die mit Worten wie „Mein Schatz“ oder „Weltbester Papa“ verziert waren. Selbst seine Musik klang anders als damals. Sie bespielte nicht mehr das, was sie gekannt hatte. Es kam ihm manchmal so vor, als sei sie schüchtern geworden. Als hätte sie leicht die Orientierung verloren und würde wie ein verloren gegangenes Kind ziellos über den Platz taumeln. Vielleicht vermisste sie den Duft der Reibekuchen auch, die Äpfel in Schokolade und natürlich Marie. Marie, die sich zu seiner Musik gedreht hatte – auf der Stelle immerzu, wie ein Kreisel.

Die Lichter gingen aus, es war 23 Uhr. Er sah der Menschentraube hinterher, die Richtung Ausgang lief. Jugendliche, junge Paare, alte Paare und Kinder. Eines der Kinder winkte ihm. Er winkte zurück und lächelte in seinen Bart. Heute abend würde er sich Reibekuchen Zuhause backen.

 

Aus dem Gleichgewicht

Eine Erzähung. Eine Erinnerung.

„Schau immer zum Horizont, wenn es dir schwindelig wird, denn wenn du dich mit dem Auge an etwas festhältst, was unbewegt bleibt, verlierst du nicht das Gleichgewicht“, sagte mein Großvater zu mir, als ich das erste Mal auf einem Schiff mitfahren sollte.

Daran dachte ich, als wir die Wohnung leer räumten, in der meine Großeltern über 50 Jahre lang gelebt hatten. Mein Großvater war oft aus dem Gleichgewicht geraten. Wenn ein Radfahrer auf der falschen Seite fuhr, schrie mein Großvater ihm lauthals einen Fluch hinterher, sodass nicht nur er, sondern auch der Radfahrer aus dem Gleichgewicht geriet. Wenn im Abendprogramm ein trauriger Film lief, wischte sich mein Großvater umständlich die Tränen aus den Augenwinkeln in dem Glauben, niemand hätte es bemerkt. Wenn er wegen einer Unachtsamkeit gegen mich beim Schach verlor, fegte er die Figuren vom Brett und redete erst wieder, nachdem das Schachspiel im Schrank verschwunden war. Diese Ungleichgewichte bemühte er wieder ins Gleichgewicht zu bringen, indem er Aufgaben mit einer akribischen Sorgfalt und Ruhe erledigte. Zum Beispiel das maßgenaue Schneiden der abendlichen Butterbrote in mundgerechnete Stücke; das Komprimieren von sperrigem Verpackungs- und Papiermüll oder die Ausdauer für Kreuzworträtsel.

Die Kreuzworträtselhefte fand ich sauber gestapelt im Regal. Ich strich über die vertraute energische Schrift, deren Buchstaben den Eindruck machten, als hätten sie es eilig. Einige der Kreuzworträtsel waren nicht fertig gelöst worden. Ich setzte mich an den Tisch und nahm mir einen Stift.

Mein Großvater fuhr mit 16 Jahren das erste Mal zur See. Auf dem Foto, das bei seinem Einzug in die Marine aufgenommen wurde, blickten seine hellblauen Augen unsicher in die Kamera. Er wurde nach Frankreich geschickt und kam wieder nach Hause. Seine drei Brüder wurden nach Russland geschickt und kamen nicht wieder nach Hause. Angst habe er gehabt, erzählte er mir, besonders als er vom 10 Meter Brett springen musste. Hinter ihm hatten bereits so viele Kameraden gewartet, dass er nicht mehr zurück konnte. Also schloss er die Augen und sprang. Das war die einzige Angst, von der er mir erzählte. Die anderen Ängste behielt er für sich und sprach sie erst aus, nachdem sein Gedächtnis sie nicht mehr zurückhalten konnte und er das Gleichgewicht auf eine neue Art verlor.

In der Küchenschublade, in der Gummibänder, Tupperdosendeckel und Gefrierbeutel durcheinander fielen, fand ich viele kleine Notizzettel, auf denen einzelne Wörter, Telefonnummern und Sätze standen, wie „Schlüssel am Schlüsselbrett“, „Bäcker öffnet um 7 Uhr“, „Herdplatte“ oder „Bügeleisen ausstellen“.

Mein Großvater hatte mir mehr als einmal einen kleinen blauen Fleck auf seiner Hand gezeigt und stolz verkündet, er habe auch ein Tattoo. Während seiner Zeit auf See hatte er die anderen Marinesoldaten mit Ankern, Fischen oder verschnörkelten Namen der Verlobten verziert. Er hatte immer schon gut zeichnen können und hatte ein Auge für Formen und Farbe. Vielleicht war er deshalb nach den Kriegsjahren auch Schreiner geworden. Trotz des Krieges war mein Großvater noch gerne Boot gefahren. An zahlreichen Wochenenden sind wir gemeinsam in Ruder- oder Tretbötchen über kleine Seen und Weiher getrieben und schauten still ins Wasser, zu den Bäumen, in den Himmel.

Ich sah ein letztes Mal von der Straße aus hoch zum großen Fenster des Wohnzimmers. Dort hatte mein Großvater jedes Mal gestanden, wenn ich mich auf den Heimweg machte. Am Ende der Straße hatte ich mich noch einmal umgedreht und er hatte mir zugewunken. Jedes Mal ohne Ausnahme. Selbst aus dem Krankenbett hatte er mir zugewunken. Ein letztes Mal. Ich sah lange, sehr lange, hinauf. Denn wenn man das Gleichgewicht verliert, braucht man etwas, woran das Auge sich festhalten kann.

 

 

Nach Überall

Ein Gedanke.

Wenn man Kind ist, gibt es drei Gründe, sich zu verstecken. Weil man Angst hat. Weil man spielt, dass jemand anderes einen suchen muss. Weil man von allem die Nase voll hat. Bei ersterem und letzterem scheint es meist überall besser zu sein, als da, wo man gerade ist. Aber weil man nicht einfach nach Überall gehen kann, denkt man sich nach Überall. Und sich nach Überall zu denken geht am besten an dunklen Orten. Unter einem Bett. In einem alten Kleiderschrank. Auf dem Dachboden. Unter einer Treppe. Hinter schweren Gardinen. Überall ist ein wunderbarer Ort.

Wenn man erwachsen wird, ist Überall nicht mehr derselbe Ort. Die Verbindung wird schlechter, wie wenn man tief im Wald versucht zu telefonieren. Man hört noch ein paar einzelne, meist undeutliche, Wörter, bis die Leitung still wird und die Ansage „Ihre Verbindung wird gehalten.“ ausbleibt.

Aber zu illustrieren ist eine Chance den Weg nach Überall wiederzufinden.