Der richtige Glanz

Eine Erzählung.

Es war still im Raum. Es war der erste Advent. Die wenigen Menschen, die verstreut an den Tischen saßen, schauten mit müden Augen zu uns auf die Bühne, so müde, als hätte unser Gesang sie statt in eine festliche, in eine komatöse Stimmung versetzt. Die Stille wurde bloß von unregelmäßigem Papiergeraschel unterbrochen.

In diesem Raum gab es viel Papier, das rascheln konnte. Die roten Papiertischdecken, die dazu passenden Papierservietten mit Rentiermuster, die Notenheftchen auf den Tischen zum Mitsingen, die Papierkronen auf unseren Köpfen, die dekorativ gemeinten Papierstreifen an unseren Kerzen, die wir während unseres Auftritts in den Händen hielten.

Die Deckenbeleuchtung im Raum war nicht ausgeschaltet, sodass der Schein unserer Kerzen im Nichts verloren ging und eine festliche Atmosphäre ausblieb. Das billig lasierte Holz der Möbel schien den größten Glanz auszumachen.

Ich fragte mich, ob vielleicht gar nicht unser Gesang die Alten müde machte, sondern ob es die Weihnachtszeit war, die versuchte sich hier im Altenheim einen Platz zu suchen. Vielleicht bemerkten sie in dieser Zeit den zu seltenen Besuch von den Liebsten umso mehr. Vielleicht spürten sie die Abwesenheit von schon Gegangenen schmerzlicher. Vielleicht wirkten diese sterilen Räumlichkeiten mit den glänzenden Möbeln umso stiller. Ja, vielleicht war das so. Neben mir trällerte meine Freundin in schiefen Tönen „Oh Tannenbaum“. Vielleicht war unser Gesang doch nicht ganz unschuldig an der Müdigkeit.

Als wir fertig war, legte sich die Stille wie eine schwere Daunendecke über den Raum. Ein Hüsteln hier, ein Schnäuzen dort. Aber dann stand plötzlich eine alte Frau auf. Ihr Haar war dünn, sie trug leicht verwischten roten Lippenstift und hatte einen bunt gemusterten Schal um die Schultern gelegt. Leise, aber mit einer gekonnten Klarheit stimmte sie einen Ton an und begann „Stille Nacht, heilige Nacht“ zu singen. Alle starrten sie an. Meine Papierkrone rutschte mir vor Überraschung über die Augen. Dann stand ein Mann mit grauer Halbglatze und Morgenmantel auf, setzte sich an das Klavier, das am Rand der Bühne stand und begleitete die Frau mit zittrigen, aber geübten Fingern. Nacheinander stimmten die Alten mit ein. Wir konnten hören, dass viele von ihnen sicher einmal in einem Kirchenchor gesungen hatten. Ihre Stimmen waren so sicher, als hätten sie diesen Auftritt seit Monaten geübt. Ich ging zum Lichtschalter und schaltete das Licht aus. Der Glanz der Möbel machte Platz für unseren Kerzenschein. Ja, vielleicht machte die Weihnachtszeit die Alten müde. Ja, vielleicht auch einsam. Und ja, gewiss nostalgisch. Aber trotzdem ließen sie es sich nicht nehmen, ihr eigenes Fest daraus zu machen, dem wir Kinder bloß mit leicht geöffneten Mündern und großen Augen lauschen konnte.

 

Ein Etwas und ein Gast

Eine Erzählung.

Es kommt vor, dass wir Jemanden auf Etwas aufmerksam machen müssen, was uns unangenehm, von dem wir aber wissen, dass es richtig ist. Wenn wir uns dann überwinden dieses Etwas auszusprechen, gibt es drei Möglichkeiten, wie unser Gegenüber damit umgeht. Er schenkt uns ein verständnisvolles Lächeln mit einem begleitenden Nicken. Er beginnt wütend zu diskutieren und beleidigt uns mit Etwas, was nichts im Entferntesten mit unserem Etwas zu tun hat.

Oder aber er dreht sich ohne ein Wort ganz einfach um und lässt uns mit dem nagenden Gefühl stehen, einen Menschen zutiefst verletzt zu haben, sodass wir vergessen, dass wir unser Etwas doch eigentlich als richtiges Etwas empfunden haben. Wenn es uns dann wieder einfällt, erzählen wir jedem davon, der uns über den Weg läuft, um unser Gewissen zu beruhigen, indem wir immer wieder nach Worten haschen, wie: „ Ja, da hast du alles richtig gemacht – du warst doch im Recht.“

Mein Nachbar gehörte zur dritten Variante. Er ließ mich stehen und sprach bis zu seinem Tode kein Wort mehr mit mir. Er sprach nicht mit mir, wenn wir uns im Treppenhaus begegneten. Er sprach nicht mit mir, wenn wir uns vor dem Haus begegneten. Er sprach nicht mit mir, wenn wir uns im Supermarkt begegneten. Seine dröhnend laute Stimme hatte die Sprache verloren.

Begegnet waren wir uns das erste Mal, einige Tage nachdem ich eingezogen war, vor meiner Wohnungstür, als ich gerade fegte. Seine dröhnende Stimme ging voraus und schüttelte mir den Kopf, bevor er mir die Hand schüttelte. Ein leichter Schnapsgeruch, eine gerötete Knollennase, kleine lachende Augen. Ich hatte kein gutes Gefühl. Damals lebte seine Frau noch. Groß, stark geschminkt, ein liebevoller Blick. Ich hatte ein gutes Gefühl.

Sein erstes Klingeln an meiner Tür ließ nicht lange auf sich warten und das Etwas schaute schon schüchtern um die Ecke. Das Klingeln wurde zu einem regelmäßigen Gast, den ich nicht ignorieren konnte, weil meine kleine hellhörige Wohnung es mir unmöglich machte, eine Abwesenheit vorzutäuschen. Das Etwas gesellte sich jedes Mal dazu und versteckte sich hinter meinem Rücken.

Manchmal sprach er zwei Sätze über die Wetterlage und machte sich auf den Weg. Einige Male sagte er bloß: „Geh doch mal raus, lernen kannst du, wenn das Wetter schlecht ist.“ Und andere Male, wünschte er mir bloß einen Guten Morgen. Dann starb eines Tages seine Frau und das Klingeln wurde von einem gewohnten Gast zu einem täglichen Gast, der sich in der Luft meiner Wohnung so breit machte, dass meine Wohnung zu schrumpfen schien. Er versteckte seine Traurigkeit hinter seinem Rücken und ich versteckte das Etwas hinter meinem Rücken.

Es traute sich hervor, nachdem der tägliche Gast am neunten Tag in Folge um 8 Uhr morgens meine Wohnung weiter schrumpfen ließ. Nachdem das Etwas raus war und ihn bat, meine Ruhe und Privatsphäre zu respektieren und den Gast nicht mehr täglich auf Besuch zu schicken, kam auch seine Traurigkeit hinter seinem Rücken hervor und er ließ mich stehen. Nachdem er mich durch seine fehlende Sprache zum Feind deklariert hatte, beschäftigte mich das nagende Gefühl und ich fragte mich, ob ich das Etwas nicht sensibel genug formuliert hatte. Ich fragte mich, wie ein Mensch, den ich nicht einmal leiden konnte, mir das Gefühl vermitteln konnte, eine Verantwortung ihm gegenüber zu haben. Ich fragte mich, wann man eine Verletzung seiner persönlichen Grenzen hinten anstellen sollte. Ich stellte mir diese Fragen immernoch, nachdem mein Nachbar bereits verstorben war. Doch meine Wohnung hatte wieder ihre ursprüngliche Größe und das Etwas strich mir beruhigend über den Kopf während es mir zulächelte.

Einige Gedanken zum Thema „Persönliche Grenzen.“

 

Es war einmal

Eine Erinnerung an den Geschichtenerzähler Manfred Steffen.

Stimmen sind immer da – Stimmen, die uns vertraut sind, die uns nah sind, die uns fern sind, die uns fremd sind. Die Stimme des Kindes, die uns morgens viel zu früh höflich aus dem Bett schreit. Die Stimme des Radiomoderators am Frühstückstisch. Die Stimme des Nachbarn, die unaufgefordert durch die Wand dringt. Die Stimme des Partners, die uns eingeübt an den Haustürschlüssel erinnert bevor wir das Haus verlassen. Die Stimme des Autofahrers neben uns, die den Fußballspielern im Radio zubrüllt, sie sollen doch, verdammt nochmal, den Ball nach vorn spielen. Die Stimme der Zugdurchsage. Die Stimme der Verkäuferin, die uns höflich fragt, ob wir nun eine Brezel mit oder ohne Salz wünschen. Die Stimme des Arztes, die uns mitteilen muss, dass sie nichts mehr tun könne. Die Stimme der Mutter, die uns sagt, dass alles wieder gut wird. Die Stimme des Anrufbeantworters. Die Stimme des Physiotherapeuten, der beschwichtigt, dass es nur noch einmal knacken wird.

Stimmen bewegen uns jeden Tag – manchmal bewusst, manchmal unbewusst.

Es gibt Stimmen, für die wir uns bewusst entscheiden. Die uns begleiten, seit wir Geschichten verstehen. Stimmen, die uns diese Geschichten erzählen – immer wieder auf dieselbe Art und im selben Ton. Ohne, dass es uns langweilt. Denn sie bringen uns in die Welten zurück, in denen wir als Kinder unsere Abenteuer erlebt haben. Das tun sie sobald wir das Spulen einer Kassette hören, das Drehen einer CD, das Knarzen einer Schallplatte.

„Es war einmal…“ Es war einmal ein Geschichtenerzähler, der meine Kindheit mit seiner Stimme begleitet hat. Der mich zu Tränen gerührt; mich bei Kummer getröstet; mich zum Lachen gebracht und der mir Gesellschaft geleistet hat, wenn ich krank im Bett lag. Geschichtenerzähler schenken uns ihre Stimme ein Leben lang. Meist wissen wir nicht einmal, wie diejenigen ausgesehen haben oder wer sie überhaupt waren, deren Stimmen Teil unserer Kindheit wurden. Aber vielleicht würde es auch den Zauber nehmen. Denn, was Stimmen Geschichten geben können, kann man manchmal nur als Zauber bezeichnen, weil einem selbst die Worte fehlen.

Reibekuchen und Marie

Eine Erzählung

Jeder Tag hatte für ihn denselben Rhythmus – seit nun 58 Jahren. Um 14 Uhr schalteten sich die Lichter ein und er begann zu kurbeln. Um 23 Uhr wurden die Lichter gelöscht und er hörte auf zu kurbeln. Doch erstaunlicherweise langweilte es ihn nicht. Er stand an seinem Platz und drehte die Kubel. Drehte, drehte und drehte. Die Musik übertönte die Lautsprecher, wehte um die Essensstände, befeuerte die Spielbuden und kam wieder zu ihm zurück. Manchmal fragte er sich, ob er bloß genügsam oder nur nicht mutig genug gewesen war. Er gehörte zu den Menschen, die bei der Frage „Und, was gibts Neues?“ antworteten „Alles gut. Alles wie immer“, ohne Schuldgefühle fehlender Abenteuerlust zu haben. Vielleicht lag es an den aufgerissenen Augen der Kinder, die mit offenen Mündern vor ihm standen und rätselten, wie die Musik wohl in diesen Holzkasten kam.

Vor ihm hatte sein Vater an diesem Platz gestanden und in die Kinderaugen geblickt. Wie stolz er gewesen war, als sein Sohn ihn das erste Mal begleitete. Ihm hatte sein Vater damals das Geheimnis des Kastens verraten, aber den Kindern verriet er es nicht. Es gefiel ihm, ein Geheimnis zu haben und den Kindern ihr Rätsel zu lassen. Das Rätsel und er waren geblieben, aber alles andere war damals noch anders gewesen. Die Farben der Buden waren nicht so bunt, die Lichter nicht so grell und die Lautsprecher knackten immerzu. Und Marie war da. Gegenüber saß sie an der Apfelbude und half ihrer Mutter Äpfel an Holzstielen in warme Schokolade zu tauchen, die dann trocknete und so wunderbar zwischen den Zähnen knackte. Wie oft war er mit Marie zwischen den Buden herum spaziert. Und bei jedem Spaziergang waren sie ein Stückchen gewachsen – bis sie groß genug waren, um auch draußen herum zu spazieren, um Händchen zu halten, um sich zu küssen, um gemeinsam einzuschlafen und gemeinsam aufzuwachen. 43 Jahre lang. Aber er fühlte sich bis heute nicht groß genug, um nicht mehr gemeinsam mit ihr aufzuwachen. Dafür würde er nie groß genug werden.

Die Bude, an der es Reibekuchen gab, war ihre Lieblingsbude gewesen. Jeden Tag aßen sie einen Reibekuchen in ihrer Pause. Außen die knusprige Kruste, innen die weiche warme Masse. Mittlerweile gab es keine Bude mit Reibekuchen mehr. Anstatt der Reibekuchen gab es Gyros, Pizzastücke und Fruchtsäfte. Ihm fehlte der Duft der Reibekuchen. Auch die Apfelbude war nicht mehr da. Stattdessen hingen überall Zuckerherzen in allen Größen und Farben, die mit Worten wie „Mein Schatz“ oder „Weltbester Papa“ verziert waren. Selbst seine Musik klang anders als damals. Sie bespielte nicht mehr das, was sie gekannt hatte. Es kam ihm manchmal so vor, als sei sie schüchtern geworden. Als hätte sie leicht die Orientierung verloren und würde wie ein verloren gegangenes Kind ziellos über den Platz taumeln. Vielleicht vermisste sie den Duft der Reibekuchen auch, die Äpfel in Schokolade und natürlich Marie. Marie, die sich zu seiner Musik gedreht hatte – auf der Stelle immerzu, wie ein Kreisel.

Die Lichter gingen aus, es war 23 Uhr. Er sah der Menschentraube hinterher, die Richtung Ausgang lief. Jugendliche, junge Paare, alte Paare und Kinder. Eines der Kinder winkte ihm. Er winkte zurück und lächelte in seinen Bart. Heute abend würde er sich Reibekuchen Zuhause backen.

 

Aus dem Gleichgewicht

Eine Erzähung. Eine Erinnerung.

„Schau immer zum Horizont, wenn es dir schwindelig wird, denn wenn du dich mit dem Auge an etwas festhältst, was unbewegt bleibt, verlierst du nicht das Gleichgewicht“, sagte mein Großvater zu mir, als ich das erste Mal auf einem Schiff mitfahren sollte.

Daran dachte ich, als wir die Wohnung leer räumten, in der meine Großeltern über 50 Jahre lang gelebt hatten. Mein Großvater war oft aus dem Gleichgewicht geraten. Wenn ein Radfahrer auf der falschen Seite fuhr, schrie mein Großvater ihm lauthals einen Fluch hinterher, sodass nicht nur er, sondern auch der Radfahrer aus dem Gleichgewicht geriet. Wenn im Abendprogramm ein trauriger Film lief, wischte sich mein Großvater umständlich die Tränen aus den Augenwinkeln in dem Glauben, niemand hätte es bemerkt. Wenn er wegen einer Unachtsamkeit gegen mich beim Schach verlor, fegte er die Figuren vom Brett und redete erst wieder, nachdem das Schachspiel im Schrank verschwunden war. Diese Ungleichgewichte bemühte er wieder ins Gleichgewicht zu bringen, indem er Aufgaben mit einer akribischen Sorgfalt und Ruhe erledigte. Zum Beispiel das maßgenaue Schneiden der abendlichen Butterbrote in mundgerechnete Stücke; das Komprimieren von sperrigem Verpackungs- und Papiermüll oder die Ausdauer für Kreuzworträtsel.

Die Kreuzworträtselhefte fand ich sauber gestapelt im Regal. Ich strich über die vertraute energische Schrift, deren Buchstaben den Eindruck machten, als hätten sie es eilig. Einige der Kreuzworträtsel waren nicht fertig gelöst worden. Ich setzte mich an den Tisch und nahm mir einen Stift.

Mein Großvater fuhr mit 16 Jahren das erste Mal zur See. Auf dem Foto, das bei seinem Einzug in die Marine aufgenommen wurde, blickten seine hellblauen Augen unsicher in die Kamera. Er wurde nach Frankreich geschickt und kam wieder nach Hause. Seine drei Brüder wurden nach Russland geschickt und kamen nicht wieder nach Hause. Angst habe er gehabt, erzählte er mir, besonders als er vom 10 Meter Brett springen musste. Hinter ihm hatten bereits so viele Kameraden gewartet, dass er nicht mehr zurück konnte. Also schloss er die Augen und sprang. Das war die einzige Angst, von der er mir erzählte. Die anderen Ängste behielt er für sich und sprach sie erst aus, nachdem sein Gedächtnis sie nicht mehr zurückhalten konnte und er das Gleichgewicht auf eine neue Art verlor.

In der Küchenschublade, in der Gummibänder, Tupperdosendeckel und Gefrierbeutel durcheinander fielen, fand ich viele kleine Notizzettel, auf denen einzelne Wörter, Telefonnummern und Sätze standen, wie „Schlüssel am Schlüsselbrett“, „Bäcker öffnet um 7 Uhr“, „Herdplatte“ oder „Bügeleisen ausstellen“.

Mein Großvater hatte mir mehr als einmal einen kleinen blauen Fleck auf seiner Hand gezeigt und stolz verkündet, er habe auch ein Tattoo. Während seiner Zeit auf See hatte er die anderen Marinesoldaten mit Ankern, Fischen oder verschnörkelten Namen der Verlobten verziert. Er hatte immer schon gut zeichnen können und hatte ein Auge für Formen und Farbe. Vielleicht war er deshalb nach den Kriegsjahren auch Schreiner geworden. Trotz des Krieges war mein Großvater noch gerne Boot gefahren. An zahlreichen Wochenenden sind wir gemeinsam in Ruder- oder Tretbötchen über kleine Seen und Weiher getrieben und schauten still ins Wasser, zu den Bäumen, in den Himmel.

Ich sah ein letztes Mal von der Straße aus hoch zum großen Fenster des Wohnzimmers. Dort hatte mein Großvater jedes Mal gestanden, wenn ich mich auf den Heimweg machte. Am Ende der Straße hatte ich mich noch einmal umgedreht und er hatte mir zugewunken. Jedes Mal ohne Ausnahme. Selbst aus dem Krankenbett hatte er mir zugewunken. Ein letztes Mal. Ich sah lange, sehr lange, hinauf. Denn wenn man das Gleichgewicht verliert, braucht man etwas, woran das Auge sich festhalten kann.

 

 

Ein unbesiegbares Ungeheuer

Einige Gedanken.

Als ich fünf Jahre alt war, sollte in meinem Kindergarten „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ als Theaterstück aufgeführt werden. Schneewittchen hatte ich nie besonders gemocht. Die Prinzessinnen aus den Märchen waren mir immer zu brav, zu tugendhaft, zu gerade. Ich mochte die schiefen Figuren. Die, die vom Weg abkamen, die frech waren und einen überraschten. Rumpelstilzchen, der böse Wolf, die Hexe im Lebkuchenhaus. Aber als einziges Kind im Kindergarten mit schwarzen langen Haaren, heller Haut und introvertiertem Gemüt wurde ich automatisch zum Schneewittchen. Um die Rolle höflich abzulehnen war ich zu schüchtern. Lieber wäre ich ein Baum gewesen. Teilhaben, aber aus dem Hintergrund.

Auch in meiner Arbeit wäre ich gerne ein Baum, aber die Selbstständigkeit ist ein Stück, in dem man unumgänglich die Hauptrolle übernehmen und sich dem Ungeheuer stellen muss. Das Ungeheuer ist nicht das Publikum, sondern die Ungewissheit. Die Ungewissheit, ob die eigene Arbeit den Betrachtern gefallen wird. Die Ungewissheit, ob man verstanden wird. Die Ungewissheit, ob man von dieser Arbeit leben kann. Die Ungewissheit, ob man die richtige Entscheidung getroffen hat. Und hilflos müssen wir dann feststellen, dass wir gegen ein Ungeheuer kämpfen, dass unbesiegbar ist, denn die Ungewissheit ist ein Teil der Arbeit.

In den Märchen ist das Gute immer gut und das Böse immer böse. Schneewittchen wird nicht zugetraut, dass sie ihrer Stiefmutter mal ordentlich den Kopf wäscht und der Stiefmutter, dem alten Drachen, wird nicht zugetraut, dass sie in ihrer Eitelkeit einen Schritt zurücktritt und die Bühne mit ihrer Stieftochter teilt. Aber wir wissen, dass das Gute und das Böse Märchen bleiben. Wie langweilig es doch wäre, wenn wir die Ungeheuer immer bezwingen müssten, anstatt sie zur Abwechslung zum Kaffee einzuladen, um sie besser kennenzulernen.

„Künstler zu werden besteht zum großen Teil darin, dich selbst anzunehmen , was deinem Werk einen persönlichen Charakter verleiht, und deiner eigenen Stimme zu folgen, die dein Werk einmalig macht.“ (Kunst & Angst von David Bayles & Ted Orland)

 

Nach Überall

Eine Erzählung.

Wenn man Kind ist, gibt es drei Gründe, sich zu verstecken. Weil man Angst hat. Weil man spielt, dass jemand anderes einen suchen muss. Weil man von allem die Nase voll hat. Bei ersterem und letzterem scheint es meist überall besser zu sein, als da, wo man gerade ist. Aber weil man nicht einfach nach Überall gehen kann, denkt man sich nach Überall. Und sich nach Überall zu denken geht am besten an dunklen Orten. Unter einem Bett, auf dem eine extra breite Überdecke liegt. In einem alten Kleiderschrank, dessen Holz leise knarzt. Auf dem Dachboden. Unter einer Treppe, nachdem man die Spinnen verscheucht hat. Hinter schweren Gardinen, unter denen nur noch die Zehen hervorschauen. Überall ist ein wunderbarer Ort.

In meiner Kindheit habe ich ihn von meinem mit Tüchern verhangenen Hochbett aus bereist. Ich besuchte Ritter in ihren alten Burgen, schwamm mit Meerjungfrauen am Meeresgrund, kochte mit Hexen im tiefen Wald und wohnte in Häusern hoch über den Wolken.

Wenn man erwachsen wird, ist das Überall nicht mehr derselbe Ort. Die Verbindung wird schlechter, wie wenn man tief im Wald versucht zu telefonieren. Man hört noch ein paar einzelne, meist undeutliche, Wörter, bis die Leitung still wird und die Ansage „Ihre Verbindung wird gehalten.“ ausbleibt. Ich würde mich gerne wieder mit Überall verbinden lassen und jedes Wort klar hören können. Denn nur weil man erwachsen ist, bedeutet das nicht, dass man keine Angst mehr hat oder an manchen Tagen nicht von allem die Nase voll hat. Ich habe oft Angst oder die Nase voll. Und was wäre in so einer Situation ermutigender als ein paar Ritter, die dich an die Hand nehmen?

 

Auch unsichtbare Orte sind liebenswert

Einige Gedanken.

Bahnhöfe sind Orte der Begegnung und Orte der Anonymität zur selben Zeit.

Wir verbinden Bahnhöfe mit Romantik, mit Nostalgie, mit Abenteuerlust, mit Fernweh. Umso trauriger ist es, dass diese Orte, die wir mit so vielen Gefühlen verbinden und an denen wir uns so häufig aufhalten, meist so vernachlässigt werden.

Anstelle der Romantik weht uns der beißende Duft von Urin entgegen. Anstelle nostalgischer Eleganz sind Wände, Bänke und Böden mit Kaugummis und anderem Dreck überzogen. Anstelle von Abenteuerlust hat man einzig den Drang so schnell wie möglich von diesem Ort wegzukommen, der einem das Warten auf den Zug noch unerträglicher zu machen scheint.

Wieso fällt es den Menschen so schwer gerade die Orte, an denen wir uns so viel und lange aufhalten müssen, mit Respekt zu behandeln?

Wieso werden die Bemühungen, Orte schöner zu gestalten, so gleich wieder mit Füßen getreten und verschandelt?

Wieso verspüren so viele Menschen kein Verantwortungsgefühl gegenüber öffentlichen Orten?

Bahnhöfe und Bahnstationen könnten so wunderbare Orte sein, an denen man gerne warten würde. Orte, an denen man nicht gleich in Verzweiflung gerät weil man eine Stunde auf den Anschlusszug warten muss. Aber traurige Orte werden leider nicht gesehen. Sie werden unsichtbar hinter ihrer Schicht aus Schmutz und Vernachlässigung.

Also bleibt einem nichts anderes übrig, als die Augen zu schließen und sich diese Orte vorzustellen, bevor sie als nicht liebenswert erklärt wurden. Doch wer weiß… vielleicht wird es eine Zeit geben, in der ein kleines Loch in der Schmutzschicht entsteht und sich mehr Menschen ihrer Chance bewusst werden, unsichtbare Orte wieder in vollem Glanz erstrahlen lassen zu können.